Unerzählte Geschichten, verborgene Fakten & Kuriositäten des Zweiten Weltkriegs — Was nicht im Schulbuch steht · von Dr. Christian Hardinghaus
Fanta 1940: Wie aus Mangel ein Weltgetränk wurde
Die Erfindung von Fanta begann nicht als bunte Werbeidee, sondern als Notlösung der deutschen Coca-Cola GmbH im Krieg.
Essen, 1940: In den Räumen der deutschen Coca-Cola GmbH fehlt plötzlich das, was ein amerikanisches Getränk ausmacht — der Sirup aus den USA. Max Keith, Geschäftsführer der deutschen Tochterfirma, steht vor einem Problem, das nach Krieg, Blockade und Improvisation riecht. Aus Molke, Obstresten und Rübenzucker soll etwas entstehen, das sich verkaufen lässt. Der Name kommt angeblich aus einem Zuruf: Man solle doch einmal „Fantasie“ benutzen.
01Die Geschichte: Fanta 1940
Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 begann, war Coca-Cola in Deutschland längst kein unbekanntes Produkt mehr. Die deutsche Coca-Cola GmbH hatte ihren Sitz in Essen und war Teil eines internationalen Konzerns, dessen Markenzeichen aus Atlanta kam. Bis dahin bezog die deutsche Tochter das Konzentrat für Coca-Cola aus den Vereinigten Staaten. Mit Kriegsbeginn, Devisenproblemen, Handelsbeschränkungen und später dem Kriegseintritt der USA 1941 wurde diese Verbindung immer schwieriger und schließlich faktisch unterbrochen.
Max Keith, der Geschäftsführer der deutschen Coca-Cola GmbH, entschied sich nicht für die Stilllegung. Stattdessen ließ das Unternehmen ein Ersatzgetränk entwickeln, das aus im Deutschen Reich verfügbaren Rohstoffen hergestellt werden konnte. Genannt werden in der Forschung vor allem Molke, Apfelfaser beziehungsweise Apfelreste aus der Mostproduktion sowie Rübenzucker. Die Rezeptur war kein Luxusprodukt, sondern ein Kind der Mangelwirtschaft: süß, haltbar, herstellbar — und weit genug von Coca-Cola entfernt, um ohne das amerikanische Konzentrat produziert zu werden.
Der Name „Fanta“ wurde 1940 eingeführt. In vielen Darstellungen heißt es, er sei aus einer internen Besprechung entstanden: Keith habe seine Mitarbeiter aufgefordert, ihre Fantasie zu benutzen; der Verkäufer Joe Knipp habe daraus „Fanta“ vorgeschlagen. Sicher ist: Der kurze Name passte in eine Zeit, in der Marken trotz Rationierung und Ersatzstoffen funktionieren mussten. Fanta wurde in Deutschland verkauft, teils auch als Süßungsmittel oder Aromageber in der Küche verwendet, weil Zucker rationiert war und Haushalte jede süße Zutat verwerteten.
Bemerkenswert ist die organisatorische Grauzone. Die deutsche Coca-Cola GmbH blieb formal eine deutsche Firma, stand aber unter den Bedingungen eines NS-Staates, der Wirtschaft, Werbung und Rohstoffzuteilung streng kontrollierte. Unternehmen mussten mit Behörden, Kriegswirtschaft und Propagandavorgaben umgehen. Fanta war deshalb weder ein simples „Nazi-Getränk“ noch eine harmlose Anekdote aus der Markengeschichte. Es war ein Produkt, das in einer Diktatur entstand, weil Krieg und Abschottung globale Lieferketten zerstörten.
Nach 1945 wurde die Verbindung zur amerikanischen Muttergesellschaft wiederhergestellt. Die Rechte, Betriebe und Markenstrukturen der deutschen Tochter wurden neu geordnet, Fanta verschwand zunächst nicht vollständig und wurde später international neu positioniert. Ab den 1950er-Jahren entwickelte Coca-Cola Fanta zu einer fruchtigen Limonadenmarke, die mit der kriegsbedingten Ersatzrezeptur von 1940 nur noch wenig gemein hatte.
02Warum das nicht im Schulbuch steht
Die Erfindung von Fanta steht selten im Schulbuch, weil sie zwischen mehrere Themenfelder fällt. Sie ist keine Frontgeschichte, keine Entscheidungsschlacht, kein Widerstandsfall und keine klassische Täterbiografie. Gleichzeitig erzählt sie viel über den Krieg: über Rohstoffmangel, wirtschaftliche Anpassung, internationale Konzerne, Konsum im Nationalsozialismus und die Frage, wie Marken in Diktaturen weiterarbeiteten.
Ein weiterer Grund liegt in der Erinnerungskultur. Nach 1945 erzählten viele Unternehmen ihre Geschichte bevorzugt als Erfolgsgeschichte des Wiederaufbaus. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 erschienen dabei oft als störender Abschnitt: juristisch kompliziert, moralisch belastet, wirtschaftlich aber nicht einfach auszublenden. Bei Fanta kommt hinzu, dass die heutige Marke weltweit für Farbe, Jugendlichkeit und Freizeit steht. Die Entstehung aus Molke, Obstresten und Kriegswirtschaft passt schlecht zu diesem Image.
Auch die Quellenlage ist für den Schulunterricht sperrig. Vieles stammt aus Unternehmensgeschichten, Akten zur Kriegswirtschaft, späteren Interviews und journalistischen Rekonstruktionen. Das ist überprüfbar, aber nicht so eindeutig erzählbar wie eine militärische Operation mit Datum, Befehl und Kartenmaterial. Dazu kommt eine Sprachbarriere: Die amerikanische Konzernperspektive, deutsche Firmenakten und die NS-Wirtschaftsgeschichte liegen nicht immer in einem leicht zugänglichen Zusammenhang vor.
Schließlich wurde die Geschichte lange von einem vereinfachenden Mythos überlagert: Fanta sei „von den Nazis erfunden“ worden. Diese Zuspitzung ist griffig, aber historisch zu grob. Sie verdeckt, worum es eigentlich geht: nicht um eine Parteierfindung, sondern um unternehmerische Anpassung innerhalb einer Diktatur, deren Krieg die Bedingungen dafür schuf.
✚Mythos-Check
Die Behauptung: „Fanta wurde von den Nazis erfunden.“
Die Quellen zeigen: Fanta entstand 1940 in Deutschland unter den Bedingungen des NS-Staates, aber nicht als Parteiprojekt der NSDAP. Entwickelt wurde das Getränk von der deutschen Coca-Cola GmbH, weil der Import des Coca-Cola-Sirups aus den USA nicht mehr funktionierte. Der Mythos lebt, weil er eine komplexe Unternehmens- und Kriegsgeschichte in einen knappen Satz presst. Präziser ist: Fanta war ein Ersatzprodukt der deutschen Coca-Cola-Tochter in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft.
Urteil: KOMPLIZIERT
🗂 Akte entschlüsselt
- NSDAP → Befehl & Bereitschaft — NS-Organisationen
- Reichswirtschaftsministerium → Befehl & Bereitschaft — NS-Organisationen
- Kriegswirtschaft → Kampf & Ketten — Einheiten & Gliederung
- Dienstgrad → Rang & Ruf — Militärische Dienstgrade
03Quellen & weiterführende Literatur
- Mark Pendergrast: For God, Country and Coca-Cola: The Definitive History of the Great American Soft Drink and the Company That Makes It. Basic Books, New York 2000.
- Frederick Allen: Secret Formula: The Inside Story of How Coca-Cola Became the Best-Known Brand in the World. HarperBusiness, New York 1994.
- Constance L. Hays: The Real Thing: Truth and Power at the Coca-Cola Company. Random House, New York 2004.
- Hartmut Berghoff: Moderne Unternehmensgeschichte: Eine themen- und theorieorientierte Einführung. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2016.
- Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Siedler, München 2007.

