Operation Mincemeat: Der Tote, der Hitler täuschte

Zwischen den Fronten

Unerzählte Geschichten, verborgene Fakten & Kuriositäten des Zweiten Weltkriegs — Was nicht im Schulbuch steht · von Dr. Christian Hardinghaus

Akte Nr. 012 FREIGEGEBEN London / Huelva / Sizilien · 1943 7 Min. Lesezeit

Operation Mincemeat: Wie eine Leiche mit gefälschten Briefen den Krieg veränderte

Ein toter Obdachloser, eine erfundene Biografie, ein Liebesbrief und ein Aktenkoffer voller Lügen: Die verrückteste Täuschungsaktion des britischen Geheimdienstes – und sie funktionierte.

Küste vor Huelva, Spanien, 30. April 1943, kurz vor Sonnenaufgang. Ein britisches U-Boot taucht auf. Offiziere tragen einen Metallbehälter an Deck, öffnen ihn und lassen eine Leiche ins Wasser gleiten. Der Tote trägt die Uniform eines Majors der Royal Marines. An sein Handgelenk ist ein Aktenkoffer gekettet. Die Strömung wird ihn an Land treiben. Und mit ihm eine Lüge, die Tausenden das Leben retten soll.

01Die Geschichte: Operation Mincemeat

Anfang 1943 stand fest, dass die Alliierten nach dem Sieg in Nordafrika als Nächstes Sizilien angreifen würden. Das Problem: Das war so offensichtlich, dass auch die deutsche Führung damit rechnete. Der britische Geheimdienst suchte deshalb nach einem Weg, Hitler davon zu überzeugen, dass der Angriff woanders kommen würde – in Griechenland und auf Sardinien.

Die Idee stammte aus einem internen Ideenpapier des Marinegeheimdienstes, an dem auch der spätere James-Bond-Autor Ian Fleming mitgearbeitet hatte. Umgesetzt wurde sie von dem Marineoffizier Ewen Montagu und dem Luftwaffenoffizier Charles Cholmondeley. Der Plan: eine Leiche mit gefälschten Geheimdokumenten vor der spanischen Küste treiben lassen. Spanien war offiziell neutral, aber voller deutscher Agenten. Die Dokumente würden ihren Weg nach Berlin finden.

Für die Rolle wählten sie den Leichnam von Glyndwr Michael, einem walisischen Obdachlosen, der an Rattengift gestorben war. Aus ihm machten sie „Major William Martin“. Sie gaben ihm eine komplette erfundene Existenz, die sogenannte „Taschenstreu“: Theaterkarten, eine Rechnung für einen Verlobungsring, Liebesbriefe einer erfundenen Verlobten namens Pam, eine Mahnung seiner Bank. Im Aktenkoffer steckte ein persönlicher Brief eines britischen Generals, der wie beiläufig den Angriff auf Griechenland erwähnte.

Der Plan ging auf. Spanische Behörden fanden die Leiche, die Dokumente gelangten an den deutschen Geheimdienst und von dort bis zu Hitler. Die Wehrmacht verlegte Truppen nach Griechenland und Sardinien. Als die Alliierten im Juli 1943 auf Sizilien landeten, trafen sie auf deutlich schwächere Verteidigung, als sie befürchtet hatten. Churchill erhielt eine Nachricht, die bis heute zitiert wird: „Mincemeat swallowed rod, line and sinker“ – Mincemeat hatte den Köder samt Haken, Leine und Senkblei geschluckt.

02Warum das nicht im Schulbuch steht

Operation Mincemeat klingt wie ein Agentenroman – und genau deshalb wurde sie lange eher als Anekdote behandelt denn als ernsthafte Kriegsgeschichte. Dabei gehört sie zu den erfolgreichsten Täuschungsaktionen des Krieges und war ein Vorläufer der großen Täuschung vor der Landung in der Normandie.

Die volle Geschichte war außerdem lange geheim. Montagu schrieb sie 1953 in „The Man Who Never Was“ auf, verschwieg aber die Identität des Toten. Erst 1996 wurde Glyndwr Michaels Name öffentlich bestätigt. Seitdem stellt sich auch eine ethische Frage: Ein Mann, der zu Lebzeiten niemandem auffiel, wurde nach seinem Tod ohne Einwilligung zum Werkzeug eines Geheimdienstes – und rettete damit vermutlich viele Leben. Sein Grab in Huelva trägt heute beide Namen.

✚Mythos-Check

Die Behauptung: „Ian Fleming hat Operation Mincemeat erfunden.“

Fleming arbeitete im britischen Marinegeheimdienst und war an einem Ideenpapier beteiligt, in dem eine ähnliche Täuschung vorgeschlagen wurde. Die eigentliche Planung und Durchführung lag aber bei Montagu und Cholmondeley. Fleming war Ideengeber im Hintergrund, nicht der Erfinder.

Urteil: KOMPLIZIERT

Die Behauptung: „Hitler fiel wirklich auf die gefälschten Briefe herein.“

Deutsche Akten belegen, dass die Dokumente als echt eingestuft wurden und Truppenverlegungen nach Griechenland und Sardinien folgten. Wie groß der Anteil der Täuschung am schnellen Erfolg auf Sizilien genau war, diskutieren Historiker – dass sie wirkte, ist unstrittig.

Urteil: WAHR

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🗂 Akte entschlüsselt

03Quellen & weiterführende Literatur

  • Ben Macintyre: Operation Mincemeat. Bloomsbury, London 2010.
  • Ewen Montagu: The Man Who Never Was. Evans Brothers, London 1953.
  • The National Archives, Kew: Akten zu Operation Mincemeat.

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