Ein persönlicher Rückblick auf die Fachtagung „80 Jahre nach Flucht und Vertreibung der Deutschen“ im Hessischen Landtag

Der vielleicht wichtigste Satz der zweitägigen Fachtagung im Hessischen Landtag kam für mich nicht aus einer Keynote und nicht von einem der zahlreichen Fachleute auf dem Podium.
Er kam von einem Schüler.
Zwei Schulklassen nahmen an der Tagung teil. Einer ihrer Sprecher formulierte sinngemäß eine Frage, die mich seitdem beschäftigt: Wie schaffen wir es, seiner Generation die Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg noch nahezubringen – gerade jetzt, da die letzten Zeitzeugen sterben?
Das war bemerkenswert. Denn zuvor war in vielen Beiträgen immer wieder eine andere Frage aufgetaucht: Warum ist es trotz der historischen Dimension von Flucht und Vertreibung nicht wirklich gelungen, dieses Thema dauerhaft im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern?
Mehrfach wurde auch über die schulische Vermittlung gesprochen. Viele kennen das Thema aus ihrer eigenen Schulzeit gar nicht oder nur am Rande. Zugleich zeigte sich während dieser beiden Tage etwas, das dazu überhaupt nicht recht passen will: Das Interesse ist da.
Und es ist groß.
Ein voller Saal für ein angeblich randständiges Thema
Am 16. und 17. September 2026 fand die Fachtagung „80 Jahre nach Flucht und Vertreibung der Deutschen im Kontext des Zweiten Weltkrieges: Historische Bilanzen im Lichte neuer Gewaltmigration“ im Hessischen Landtag in Wiesbaden statt.
Veranstalterin war die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen, deren Vorsitzender Peter Beuth, Staatsminister a. D., ist. Die Tagung wurde in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung durchgeführt. Die Schirmherrschaft hatte Astrid Wallmann, Präsidentin des Hessischen Landtags, übernommen.
Diese institutionelle Breite zeigte, welchen Stellenwert das Thema in Hessen erhält. Nach meinem Eindruck nahmen insgesamt etwa 200 Menschen teil: Wissenschaftler, Vertreter aus Politik und Kultur, Verbände, Studierende – und eben auch Schülerinnen und Schüler.
Schon der Ort verlieh der Veranstaltung eine besondere Atmosphäre. Der Musiksaal des Hessischen Landtags ist ein prachtvoller, ehrwürdiger Raum. Über Flucht, Heimatverlust und Erinnerung an einem solchen Ort zu sprechen, unterscheidet sich zwangsläufig von einer gewöhnlichen Tagung in einem Konferenzhotel.

Das Programm spannte einen großen Bogen: von historischen und völkerrechtlichen Fragen über das Ankommen der Vertriebenen in Hessen bis hin zur Zukunft der Erinnerung, wenn die unmittelbare Zeitzeugenschaft endet.
Besonders gefreut hat mich auch das Wiedersehen mit Christopher Spatz, den ich seit Langem sehr schätze und der für mich zu den wichtigsten Kennern der Geschichte der ostpreußischen Wolfskinder gehört.
Zwischen NS- und Sowjetimperialismus
Neben den vielen persönlichen Begegnungen sind mir vor allem drei Vorträge in Erinnerung geblieben.
Den historischen Rahmen setzte gleich zu Beginn Prof. Dr. Manfred Kittel mit seiner Keynote „Zwischen NS- und Sowjetimperialismus: Gewaltmigration in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und ihr Ort im ‚Jahrhundert der Vertreibungen‘“.
Spannend fand ich dabei vor allem seinen Hinweis, die Vertreibung der Deutschen nicht monokausal aus der Vorgeschichte des nationalsozialistischen Generalplans Ost und der deutschen Gewaltpolitik in Osteuropa zu erklären. Kittel erinnerte ebenso an die sowjetischen Interessen an einer territorialen Neuordnung Ostmitteleuropas und an der Westverschiebung Polens. In diesem Zusammenhang sprach er von einem sowjetischen „Generalplan West“, den er dem nationalsozialistischen Generalplan Ost gegenüberstellte.
Gerade diese Perspektive machte deutlich, wie stark die großen Vertreibungsbewegungen am Ende des Zweiten Weltkriegs in unterschiedliche imperiale Ordnungs- und Bevölkerungsplanungen eingebettet waren.
Wann wird Vertreibung zum Genozid?
Einen ganz anderen Zugang wählte der Bonner Staats- und Völkerrechtler Prof. Dr. Christian Hillgruber. Sein Vortrag führte von Zwangsumsiedlungen und Genoziden des Zweiten Weltkriegs bis zu den Potsdamer Vertreibungsbeschlüssen und ihren Folgen.
Besonders interessant fand ich die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen die Vertreibung der Deutschen völkerrechtlich als Genozid bezeichnet werden kann.
Gerade bei einem Thema, dessen Begriffe über Jahrzehnte politisch und emotional aufgeladen wurden, zeigt sich, wie wichtig sprachliche Genauigkeit ist. Vertreibung, ethnische Säuberung, Zwangsumsiedlung und Genozid sind keine beliebig austauschbaren Wörter. Sie besitzen historische und rechtliche Bedeutungen und setzen unterschiedliche Kriterien voraus.
Auch das passte letztlich zu meinem eigenen Vortrag: Worte sind nicht neutral. Es macht einen Unterschied, wie wir historische Erfahrungen benennen.
Jochen Buchsteiner und das Interesse an Ostpreußen
Am zweiten Tag beeindruckte mich besonders Jochen Buchsteiner. Seine Keynote trug den bewusst zugespitzten Titel „Randnotiz des deutschen Jahrhundertverbrechens? Flucht und Vertreibung 1945 und das Verblassen ostdeutscher Verlusterfahrung in der Bundesrepublik“.

Buchsteiner hat mit seinem Buch Wir Ostpreußen. Eine ganz gewöhnliche deutsche Familiengeschichte gezeigt, dass dieses vermeintlich randständige Thema ein großes Publikum erreichen kann. Ausgangspunkt seines Buches sind die Aufzeichnungen seiner Großmutter über ihre Flucht aus Ostpreußen. Das Buch wurde zum SPIEGEL-Bestseller.
Gerade im Zusammenhang mit dieser Tagung fand ich das bemerkenswert.
Denn dieser Erfolg widerspricht der Vorstellung, die Menschen interessierten sich nicht mehr für Ostpreußen, Flucht und Vertreibung oder die verlorenen deutschen Lebenswelten im Osten.
Vielleicht liegt das Problem weniger in mangelndem Interesse als darin, wie und wo diese Geschichten erzählt werden.
Das sollte später auch in der Diskussion eine Rolle spielen.
Ein Wort kann tausend Bilder erzeugen
Im anschließenden Fachblock sprach Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, über die „Bedeutung der Erinnerungskultur für den Bund“. Damit rückte noch einmal die Frage in den Mittelpunkt, welchen Platz Flucht und Vertreibung im öffentlichen Gedächtnis künftig einnehmen sollen.
Mein eigener Beitrag trug den Titel „Das geschriebene Wort als Erinnerungsort“.
Ich begann mit einem kleinen Experiment.
„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, heißt es. Ich beschrieb dem Publikum einen alten Pappkoffer auf einem Bahnsteig: abgewetzt, mit einer Schnur verschnürt, darin alles, was einem Menschen geblieben war.
Damit hatte ich das Bild weitgehend vorgegeben.
Anschließend nannte ich nur ein einziges Wort:
Heimat.
Und plötzlich sah vermutlich jeder im Saal etwas anderes.
Ein Haus. Einen Menschen. Einen Küchentisch. Einen bestimmten Geruch. Einen Dialekt. Einen Ort der eigenen Kindheit. Vielleicht auch einen Ort, den man selbst niemals gesehen hat und trotzdem aus den Erzählungen der Eltern oder Großeltern kennt.
Der bekannte Satz lässt sich also auch umdrehen:
Ein Wort kann tausend Bilder erzeugen.
Für Heimatvertriebene ist das von besonderer Bedeutung. Häuser blieben zurück, Friedhöfe und Landschaften blieben zurück, Ortsnamen veränderten sich.
Worte aber passten in jedes Fluchtgepäck.
Die Geschichte eines Wolfskindes
Ich erzählte von Ursula Dorn.
2019 besuchte ich sie erstmals in ihrem Garten in Weißenborn. Eigentlich sollte ihre Geschichte nur einen Beitrag in einem Buch mit mehreren Zeitzeuginnen bilden. Nach einer halben Stunde Gespräch wusste ich, dass daraus etwas anderes werden musste.
Ursula hatte als Kind die Zerstörung Königsbergs und den Hunger erlebt. Auf der Suche nach Nahrung gelangte sie nach Litauen. Sie gehörte zu jenen Kindern, die wir heute Wolfskinder nennen.
Viele von ihnen mussten sogar ihren deutschen Namen ablegen, um nicht aufzufallen. Das persönlichste Wort, das ein Mensch besitzt, konnte plötzlich zum Risiko werden.
Aus unseren Gesprächen entstand schließlich mein Buch Das Wolfsmädchen.
Solche Begegnungen haben meine Arbeit geprägt. Inzwischen habe ich mehr als hundert Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs interviewt. Immer stellte sich dieselbe Frage: Wie lässt sich eine persönliche Erinnerung so festhalten, dass sie auch für Menschen zugänglich bleibt, die den Erzähler niemals kennenlernen werden?
Das geschriebene Wort kann ein Gespräch nicht ersetzen.
Aber es kann eine Stimme über die Lebenszeit eines Menschen hinaus hörbar halten.
Von einem Koffer zu „Generation Heimatlos“
Die zweite Geschichte meiner Rede führte ins Jahr 2025 nach Helmstedt.
Dort fragte mich ein anderer Referent auf dem Flur unvermittelt:
„Haben Sie Ihren Koffer wieder nicht ausgepackt?“
Ich war verblüfft. Tatsächlich lasse ich auf Reisen meine Kleidung häufig im Koffer. Aber woher konnte er das wissen?
Seine Antwort lautete sinngemäß: Das hätten dort viele nicht getan.
Meine Großeltern waren Heimatvertriebene. Ich selbst habe weder Krieg noch Vertreibung erlebt. Trotzdem erschien mir diese Vorstellung merkwürdig vertraut: angekommen zu sein und innerlich dennoch zum Aufbruch bereit zu bleiben.
Aus dieser Begegnung und den Fragen, die daraus entstanden, entwickelte sich mein neues Buch Generation Heimatlos, das in Kürze erscheint.
Dafür habe ich eine Onlinebefragung durchgeführt. 411 Menschen füllten den Fragebogen vollständig aus. Die Erhebung ist ausdrücklich nicht repräsentativ, doch einige Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne familiäre Vertreibungsgeschichte sind auffällig.
47 Prozent der befragten Enkel von Vertriebenen gaben an, das Gefühl zu kennen, irgendwann wieder gehen zu müssen. In der Vergleichsgruppe waren es 19 Prozent.
65 Prozent der Vertriebenennachkommen berichteten von einer „unsichtbaren Last“, die nicht aus ihrem eigenen Leben zu stammen scheint. In der Vergleichsgruppe waren es 41 Prozent.
Gerade über diese Ergebnisse und über die Frage möglicher transgenerationaler Weitergaben wurde anschließend intensiv gesprochen. Ich hatte den Eindruck, dass dieser Blick auf die Kriegsenkelgeneration bei vielen Teilnehmern einen Nerv traf.
Denn er verschiebt die Perspektive.
Es geht nicht mehr nur darum, was damals geschah.
Es geht zunehmend auch darum, was davon heute noch vorhanden ist.

Das Interesse ist da – aber wie erreichen die Geschichten ihr Publikum?
An diesem Punkt trafen sich für mich Buchsteiners Keynote, die Wortmeldung der Schüler und mein eigener Vortrag.
Die Geschichten sind da.
Das Interesse ist da.
Die Frage ist, wie wir beides zusammenbringen.
In vielen Beiträgen der Tagung wurde darüber gesprochen, weshalb Flucht und Vertreibung der Deutschen trotz ihrer Dimension nur begrenzt im öffentlichen Bewusstsein verankert worden sind.
Die wissenschaftlichen und institutionellen Strukturen sind durchaus vorhanden: Archive, Museen, Forschungseinrichtungen, Verbände, politische Bildung und Einrichtungen wie die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen leisten seit Jahren Erinnerungsarbeit.
Mein Eindruck nach diesen beiden Tagen ist vielmehr, dass die mediale Vermittlung mit dem vorhandenen Interesse nicht immer Schritt hält.
Das Thema taucht zu Jahrestagen auf, gelegentlich bei Neuerscheinungen oder politischen Kontroversen. Als selbstverständlicher Bestandteil deutscher Zeit- und Familiengeschichte ist es sehr viel seltener präsent.
Hinzu kommen alte Bilder, die erstaunlich langlebig sind.
Dazu gehört die Vorstellung, Organisationen der Heimatvertriebenen seien vor allem rückwärtsgewandt oder revanchistisch geprägt.
Mit dem, was ich in Wiesbaden erlebt habe, hatte dieses Bild wenig zu tun.
Diskutiert wurde über Völkerrecht und Menschenrechte, über heutige Gewaltmigration, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt, über Museen, politische Bildung und die Frage, wie Erinnerung nach dem Ende der unmittelbaren Zeitzeugenschaft erhalten bleiben kann.
Und selbstverständlich gehört zu einer verantwortungsvollen Beschäftigung mit Flucht und Vertreibung immer auch ihr historischer Kontext: der nationalsozialistische Angriffs- und Vernichtungskrieg, die deutsche Besatzungs- und Vernichtungspolitik und die Gewaltgeschichte Europas.
Das Leid deutscher Vertriebener zu erzählen bedeutet nicht, andere Geschichte zu relativieren.
Erinnerung muss beides benennen können.
Was passiert, wenn niemand mehr antworten kann?
Vielleicht war deshalb der Beitrag des Schülers für mich so wichtig.
Die Frage ist längst nicht mehr theoretisch.
Viele der Menschen, die mir ihre Lebensgeschichten erzählt haben, leben heute nicht mehr. Solange Zeitzeugen noch da sind, können wir fragen:
Wo genau war das?
Wer war bei dir?
Was hast du empfunden?
Warum habt ihr später nie darüber gesprochen?
Diese Möglichkeit wird verschwinden.
Was nicht erzählt, aufgenommen oder aufgeschrieben wurde, lässt sich später nicht zurückholen. Manchmal bleibt dann nur noch ein Name. Ein Foto ohne Beschriftung. Ein Ort, dessen heutiger Name niemandem in der Familie etwas sagt. Ein Rezept. Ein Dialektwort. Eine Gewohnheit, deren Ursprung niemand mehr kennt.
Oder eben ein Koffer, der auch im Hotelzimmer nie ganz ausgepackt wird.
Deshalb sehe ich das geschriebene Wort tatsächlich als Erinnerungsort.
Nicht weil ein Buch Vergangenheit unverändert konservieren könnte. Das kann es nicht.
Aber es kann bewahren, wie ein Mensch von ihr erzählt hat.
Die Menschen, die noch aus eigener Erfahrung von Flucht und Vertreibung berichten können, werden immer weniger.
Ihre Worte müssen nicht mit ihnen verschwinden.
Dankbarkeit – und eine Aufgabe

Mein besonderer Dank gilt der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen und ihrem Vorsitzenden Peter Beuth für die Einladung und die aus meiner Sicht vorbildliche Organisation der Tagung sowie der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung für die Kooperation.
Dass die Fachtagung unter der Schirmherrschaft von Landtagspräsidentin Astrid Wallmann im Hessischen Landtag stattfinden konnte, gab dem Thema einen angemessenen öffentlichen Rahmen.
Mindestens ebenso wichtig waren für mich die Gespräche zwischen den Programmpunkten und die Mischung der Perspektiven: Historiker, Juristen, Autoren, Vertreter von Museen und Verbänden, politische Entscheidungsträger – und junge Menschen, die wissen wollten, was diese Geschichte mit ihnen zu tun hat.
Eine vergleichbare Veranstaltung würde ich mir auch für Niedersachsen wünschen.
Vor allem aber nehme ich aus Wiesbaden die Wortmeldung des Schülers mit.
Denn vielleicht liegt genau darin die Aufgabe für die kommenden Jahre:
Wir müssen nicht nur die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen bewahren.
Wir müssen Wege finden, damit eine Generation, die keinen Zeitzeugen mehr persönlich kennenlernen wird, trotzdem Zugang zu ihren Geschichten findet.
Dafür brauchen wir Archive und Museen, Schulen und Forschung, Bücher, Medien und digitale Formate.
Und manchmal braucht es etwas viel Einfacheres:
einen Menschen, der erzählt.
Und jemanden, der zuhört.

