Ein Archiv ungelöster Fälle, in dem sich die Spur im Dunkel verliert — Fakten von Fiktion getrennt.
Fall 10

Der Somerton Man: Das Rätsel um „Tamám Shud“
Ein toter Mann am Strand von Adelaide, ein winziger Zettel mit den Worten „Tamám Shud“ und ein Code, den bis heute niemand geknackt hat: Der Somerton Man war über 70 Jahre Australiens berühmtestes Rätsel. 2022 bekam er endlich einen Namen – doch die wichtigste Frage ist noch offen.
Falldaten auf einen Blick
Am Morgen des 1. Dezember 1948 fanden Passanten am Strand von Somerton Park bei Adelaide einen toten Mann. Er lag an die Ufermauer gelehnt, gut gekleidet, in Anzug und polierten Schuhen, als sei er eingeschlafen. Am Abend zuvor hatten ihn Zeugen dort liegen sehen und für betrunken gehalten. Er trug keinen Ausweis bei sich. Und aus seiner Kleidung waren alle Etiketten entfernt worden.
Die Obduktion fand keine Verletzungen, aber Hinweise auf ein Organversagen. Der Pathologe vermutete eine Vergiftung, konnte jedoch kein Gift nachweisen. Damit begann einer der rätselhaftesten Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts – der Fall des Somerton Man.
„Tamám Shud“: Der Zettel in der Geheimtasche
Monate später entdeckte ein Ermittler in einer versteckten Uhrentasche der Hose des Toten ein winziges, zusammengerolltes Stück Papier. Darauf standen zwei Worte in Druckschrift: „Tamám Shud“. Die Worte stammen aus dem Persischen und bedeuten so viel wie „Es ist vollbracht“ oder „Beendet“. Sie bilden den Schluss des berühmten Gedichtbands „Rubaiyat“ von Omar Khayyam, einer Sammlung von Versen über Vergänglichkeit und das Leben im Augenblick.
Die Polizei veröffentlichte einen Aufruf. Kurz darauf meldete sich ein Mann: Er habe eine Ausgabe der „Rubaiyat“ auf dem Rücksitz seines Autos gefunden, das in der Nähe des Strandes geparkt gewesen sei. Aus der letzten Seite war genau das Stück herausgerissen, das zum Zettel passte. Auf der Rückseite des Buches fanden sich eine Telefonnummer und fünf Zeilen mit Großbuchstaben – ein mutmaßlicher Code.
Der Code und die Spur zur Krankenschwester
Die fünf Zeilen wurden von Marine-Kryptografen, Mathematikern und Tausenden Hobby-Codeknackern untersucht. Entschlüsselt wurden sie bis heute nicht. Eine verbreitete Deutung besagt, dass es sich um die Anfangsbuchstaben von Wörtern handeln könnte, etwa eine Gedächtnisstütze. Bewiesen ist das nicht.
Die Telefonnummer führte zu einer jungen Krankenschwester, die in der Nähe des Strandes wohnte. Sie gab an, den Toten nicht zu kennen, wirkte aber nach Angaben der Ermittler bei der Gegenüberstellung mit einem Gipsabdruck des Toten sichtlich erschüttert. Sie bestand darauf, dass ihre Identität geschützt wird, und nahm ihr Wissen – falls sie mehr wusste – mit ins Grab. Auch hier gilt: Aus ihrer Reaktion lässt sich keine Schuld und keine sichere Verbindung ableiten.
Weitere Indizien: Im Bahnhof von Adelaide fand sich ein Koffer, der dem Toten zugeordnet wurde. Auch darin waren fast alle Etiketten entfernt. Wegen dieser Details, des Kalten Krieges und des Codes kam früh die Spionage-Theorie auf. Belege dafür gibt es bis heute nicht.
2022: Der Somerton Man bekommt einen Namen
2021 wurden die sterblichen Überreste exhumiert. Im Juli 2022 gaben der Forscher Derek Abbott von der University of Adelaide und die US-Genealogin Colleen Fitzpatrick bekannt, dass sie den Toten mithilfe von DNA aus Haaren und genealogischer Forschung identifiziert hätten: als Carl „Charles“ Webb, einen 1905 geborenen Elektroingenieur aus Melbourne. Webb hatte sich von seiner Frau getrennt und war danach aus den Akten verschwunden.
Die Behörden von South Australia führten parallel eine eigene forensische Untersuchung durch und äußerten sich zurückhaltender. Für die meisten Beobachter gilt die Identität dennoch als weitgehend geklärt. Damit ist allerdings nur eine Frage beantwortet: wer er war. Warum er starb, warum er in Adelaide war, warum die Etiketten fehlten und was der Code bedeutet, bleibt offen.
Der aktuelle Stand im Fall Somerton Man
Der Fall des Somerton Man ist heute ein Cold Case mit Namen. Eine eindeutige Todesursache wurde nie festgestellt; eine Vergiftung ist möglich, aber nicht bewiesen, ebenso wie ein Suizid oder ein Verbrechen. Die Spionage-Theorien bleiben Spekulation.
Was den Fall so besonders macht, ist weniger die Kriminalgeschichte als die Poesie: ein Mann ohne Namen, der Jahrzehnte lang nur durch zwei persische Worte über das Ende sprach. Dass er am Ende durch moderne DNA-Genealogie identifiziert wurde, zeigt auch, wie sich Ermittlungen heute verändern – oft angetrieben von engagierten Privatleuten.
Dieser Fall ist in unserem Archiv dokumentiert
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