Unerzählte Geschichten, verborgene Fakten & Kuriositäten des Zweiten Weltkriegs — Was nicht im Schulbuch steht · von Dr. Christian Hardinghaus

Operation Bernhard: Wie die SS im KZ Sachsenhausen britische Pfundnoten fälschte
In einer abgeriegelten Baracke im KZ Sachsenhausen zwang die SS Häftlinge mit Fachwissen, britische Banknoten zu drucken. Der Plan sollte Großbritannien schaden und geheime Operationen bezahlen. Die britische Wirtschaft gefährdete er nie ernsthaft, doch er wurde eines der größten Fälschungsprogramme der Geschichte.
Oranienburg, nördlich von Berlin, 1943. Hinter einem Zaun im KZ Sachsenhausen sind zwei Baracken, Block 18 und 19, vom übrigen Lager abgeriegelt. Drinnen arbeiten jüdische Häftlinge mit Erfahrung im Druck- und Bankwesen im Schichtbetrieb. Ihre Aufgabe: Noten der Bank of England so täuschend echt nachzumachen, dass keine Kassiererin den Unterschied bemerkt. Sich zu weigern, ist keine Option.
01Die Geschichte: Operation Bernhard
Die Idee, Großbritannien mit gefälschtem Geld anzugreifen, ist älter als die Baracken. Die Gedenkstätte Sachsenhausen datiert die Planung der „Operation Andreas“ auf 1939. 1942 wurde das Projekt als „Operation Bernhard“ neu organisiert: Die Noten sollten deutsche Geheimdienstoperationen im Ausland finanzieren.
Benannt ist die Operation nach SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger, der sie von Sachsenhausen aus leitete. Die Gedenkstätte Sachsenhausen nennt 142 jüdische Häftlinge, die für das Fälscherkommando ausgewählt und vom übrigen Lager isoliert wurden. Überlebende berichten von besserer Verpflegung und Unterbringung als im übrigen Lager. Sie blieben aber Gefangene und mussten ständig damit rechnen, getötet zu werden, sobald man sie nicht mehr brauchte.
Das Team musste jedes Detail lösen: Papier, Wasserzeichen, Gravur, Seriennummern. Gefälscht wurden Noten zu 5, 10, 20 und 50 Pfund.
Die SS nutzte die Fälschungen zur Bezahlung von Spionen und zur Beschaffung von Gütern im Ausland.
Im Februar oder März 1945 wurde die Produktion eingestellt. Die Häftlinge wurden nach Mauthausen, dann nach Redl-Zipf und schließlich nach Ebensee in Österreich verlegt. Restliche Noten und Druckplatten versenkte man in Seen, darunter der Toplitzsee. Wegen des Transportchaos wurden die Häftlinge nicht wie befohlen erschossen. Die Wachen flohen, und amerikanische Truppen befreiten Ebensee um den 6. Mai 1945.
02Warum das nicht im Schulbuch steht
Wirtschaftskrieg kommt in der Schulgeschichte des Zweiten Weltkriegs kaum vor, und eine Fälschung klingt nach Kriminalkomödie. Genau das ist das Problem. Die Operation Bernhard war ein staatliches Programm auf Basis der Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen. Die Männer überlebten, weil die SS ihr Können brauchte, nicht aus Gnade, und außerhalb von Block 18 und 19 tötete das Lagersystem in riesigem Ausmaß.
Erinnert wurde vor allem durch Memoiren und einen Film. Adolf Burger, Drucker und einer der Häftlinge, veröffentlichte 1983 seine Erinnerungen. Sie wurden die Grundlage des Films Die Fälscher, der 2008 den Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt. Kisten und Druckplatten wurden ab den späten 1950er-Jahren in mehreren Suchaktionen aus dem Toplitzsee geborgen.
✚Mythos-Check
Die Behauptung: „Die Fälschungen waren so perfekt, dass sie die britische Wirtschaft beinahe zerstört hätten.“
Die Qualität war hoch, und die Bank of England nahm die Gefahr ernst: Sie zog Banknoten über fünf Pfund aus dem Verkehr. Doch der Gesamtumfang ist umstritten (die Gedenkstätte Sachsenhausen nennt einen Nennwert von über 135 Millionen Pfund), und nur ein Bruchteil gelangte in Umlauf, vieles über Käufe der SS im Ausland. Die Bank of England beschreibt einen anderen verräterischen Befund: Eine bereits registrierte Seriennummer tauchte erneut auf. Die britische Wirtschaft war nie dem Zusammenbruch nahe.
Urteil: MYTHOS

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- SS und KZ-System → Befehl & Bereitschaft — NS-Organisationen
- Dienstgrade wie Sturmbannführer → Rang & Ruf — Militärische Dienstgrade
- SS-Ränge im Vergleich → SS-Dienstgrade im Vergleich zur Wehrmacht
- Täuschung als Waffe → Operation Mincemeat: Die wahre Geschichte (1943)
03Quellen & weiterführende Literatur
- Burger, Adolf: Des Teufels Werkstatt (Erinnerungen), 1983.
- Malkin, Lawrence: Krueger’s Men: The Secret Nazi Counterfeit Plot and the Prisoners of Block 19. Little, Brown, 2006.
- Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen: Eine echte Fälschung (Sammlungsobjekt und Geschichte des Fälscherkommandos).
- Bank of England Museum, Alison Cook (26. Januar 2024): Operation Bernhard (Banknoten, Erkennung der Fälschungen und Gegenmaßnahmen).
- Academy of Motion Picture Arts and Sciences: The 80th Academy Awards, 2008 (Auszeichnung für Die Fälscher).

