Nachthexen: Die sowjetischen Pilotinnen, die nachts die Wehrmacht bombardierten

Zwischen den Fronten

Unerzählte Geschichten, verborgene Fakten & Kuriositäten des Zweiten Weltkriegs — Was nicht im Schulbuch steht · von Dr. Christian Hardinghaus

Akte Nr. 014 ÜBERSEHEN Südfront, UdSSR · 1942–1945 6 Min. Lesezeit

Nachthexen: Die sowjetischen Pilotinnen, die nachts die Wehrmacht bombardierten

Offene Cockpits, Segeltuchflügel und Motoren, die vor dem Abwurf gedrosselt wurden: Die Frauen des sowjetischen 588. Nachtbomberregiments flogen mehr als 23.000 Einsätze gegen deutsche Truppen.

Südfront, Sommer 1942. Nach Einbruch der Dunkelheit hustet irgendwo über den deutschen Linien ein Motor und verstummt. Ein paar Sekunden lang ist nur das Pfeifen des Windes in den Drähten zu hören. Dann kommt eine Bombe. Bis die Scheinwerfer den Himmel absuchen, ist die Maschine verschwunden. Im offenen Cockpit sitzen eine Pilotin und eine Navigatorin in einem Doppeldecker aus den 1920er-Jahren.

01Die Geschichte: die Nachthexen

Am 8. Oktober 1941, als deutsche Armeen vor Moskau standen, schuf der Befehl Nr. 0099 drei sowjetische Frauenfliegerregimenter. Die berühmte Fliegerin Marina Raskowa hatte sich dafür eingesetzt. Eines davon war das 588. Nachtbomberregiment unter Major Jewdokija Berschanskaja. Es erreichte die Südfront Ende Mai 1942 und flog am 12. Juni 1942 seinen ersten Kampfeinsatz.

Das Flugzeug war die Polikarpow Po-2, ein stoffbespannter Doppeldecker, ursprünglich als Schulflugzeug und Agrarflieger gebaut. Sie trug nur rund 350 Kilogramm Bomben, deshalb flogen die Besatzungen pro Nacht viele Einsätze, oft acht oder mehr. Die Pilotinnen drosselten den Motor und glitten zum Abwurfpunkt, wodurch man die Maschine erst im letzten Moment hörte. Fallschirme gab es Berichten zufolge erst ab 1944.

Über den Krieg hinweg flog das Regiment rund 23.700 Einsätze und warf mehr als 3.000 Tonnen Bomben ab. Etwa 260 Personen dienten dort, darunter männliche Mechaniker und Bodenpersonal, denn nur die Flugbesatzungen waren Frauen. 32 starben, 23 Angehörige wurden Helden der Sowjetunion. Irina Sebrowa flog mit 1.008 Einsätzen die meisten im Regiment. 1943 wurde es zum 46. Garde-Nachtbomberregiment, im Oktober 1945 wurde es aufgelöst.

Der Name „Nachthexen“ gilt meist als deutscher Spitzname: Soldaten hätten das Rauschen der gleitenden Maschine mit Hexenbesen verglichen. Die Geschichte stammt aus Nachkriegsberichten und Memoiren, Belege aus deutschen Quellen gibt es kaum.

Für deutsche Soldaten bedeuteten die nächtlichen Angriffe vor allem Erschöpfung statt Zerstörung. Sie kosteten Schlaf und Nerven, und ein langsames Flugzeug war für schnelle Jäger und Flak schwer zu treffen. Berichten zufolge schoss der Luftwaffenpilot Josef Kociok in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 1943 mehrere Maschinen des Regiments ab, und die Einheit pausierte eine Nacht.

02Warum das nicht im Schulbuch steht

Schulbücher zur Ostfront handeln meist von Armeen, Generälen und Schlachten. Frauen im Kampf kommen kaum vor. Nach 1945 teilte der Kalte Krieg die Erinnerung: In der Sowjetunion wurden die Frauen im Rahmen der offiziellen Erzählung vom „Großen Vaterländischen Krieg“ geehrt, im Westen blieben sie lange unbekannt. Veteraninnen wie Nadeschda Popowa, die 2013 starb, erzählten ihre Geschichte erst spät im Leben.

Die Geschichte ist für deutsche Leser unbequem, und das ist nützlich. Diese Frauen flogen gegen einen Überfall, den die Wehrmacht als Vernichtungskrieg führte, und die Soldaten, die sie bombardierten, waren Teil davon. Ihren Mut zu respektieren heißt nicht, das System zu übersehen, dem sie dienten.

✚Mythos-Check

Die Behauptung: „Deutsche Piloten bekamen das Eiserne Kreuz, wenn sie eine Nachthexe abschossen.“

Die Behauptung steht in vielen populären Darstellungen. Mir ist kein verlässlicher dokumentarischer Beleg für eine solche Regel bekannt, und in der Fachliteratur gehört sie nicht zum Standard.

Urteil: UNBELEGT

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Die verdammte Generation

Wie haben Wehrmachtsoldaten den Krieg erlebt – und wie denken sie heute darüber? In Gesprächen mit den letzten Zeitzeugen habe ich nach Antworten gesucht, auch nach Momenten wie dem von Sepp Gangl.

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🗂 Akte entschlüsselt

03Quellen & weiterführende Literatur

  • Pennington, Reina: Wings, Women, and War: Soviet Airwomen in World War II Combat. University Press of Kansas, 2001.
  • Noggle, Anne: A Dance with Death: Soviet Airwomen in World War II. Texas A&M University Press, 1994.
  • Cottam, Kazimiera J. (Hg.): Soviet Airwomen in Combat in World War II. 1983.
  • Nachruf auf Nadeschda Popowa, The New York Times, 2013.

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