Framing erkennen: Gleiche Zahl, andere Geschichte

Zwischen den Wahrheiten · 01

Christian Hardinghaus · Überarbeitete Fassung · Oktober 2026

60 Prozent stimmen zu. 40 Prozent stimmen dagegen. Welche Zahl würdest du in die Überschrift schreiben?

Stellen wir uns eine Umfrage vor: Genau 100 Menschen beantworten eine Frage mit Ja oder Nein. Es gibt keine Enthaltungen. 60 sagen Ja, 40 sagen Nein. Eine Redaktion könnte daraus zwei sehr unterschiedliche Überschriften machen.

Darstellung A

„Deutliche Mehrheit stimmt dem Vorschlag zu“

Darstellung B

„Vier von zehn lehnen den Vorschlag ab“

Erfundenes Beispiel zur Veranschaulichung; keine tatsächliche Erhebung.

Beide Aussagen passen zu unseren Zahlen. Trotzdem erzählt die erste von Zustimmung, die zweite von Widerstand. Schon bevor wir wissen, worum es geht, steht ein Blickwinkel im Raum.

Was Framing bedeutet

Framing bezeichnet das Einordnen eines Sachverhalts in einen Deutungsrahmen. Robert M. Entman beschrieb 1993, wie Kommunikation bestimmte Aspekte hervorhebt und damit etwa eine Problemdefinition oder eine Bewertung nahelegt. Es geht also um mehr als einzelne Reizwörter: Auch Auswahl, Zusammenhang und Gewichtung zählen. [1]

In unserem Beispiel ist keine Zahl erfunden. Die Auswahl entscheidet aber, was wir zuerst sehen. Eine weitere Veränderung wäre das Wort „schon“: „Schon 60 Prozent stimmen zu.“ Es legt eine Entwicklung nahe. Doch eine einzelne Umfrage sagt noch nichts darüber, ob die Zustimmung gestiegen ist. Dafür brauchen wir einen vergleichbaren früheren Wert.

Warum der Rahmen einen Unterschied machen kann

Amos Tversky und Daniel Kahneman zeigten 1981 in Entscheidungsexperimenten, dass unterschiedliche Formulierungen desselben Problems die Präferenzen von Versuchspersonen verschieben können. Ihre Untersuchung betraf unter anderem Entscheidungen, bei denen Ergebnisse als Gewinne oder Verluste beschrieben wurden. [2]

Das ist kein Beweis dafür, dass jede Überschrift bei jedem Menschen dieselbe Wirkung erzielt. Eine Analyse des Textes zeigt zunächst, welchen Blickwinkel er anbietet. Wie einzelne Leser darauf reagieren, ist eine eigene Frage.

Nicht jeder Blickwinkel ist eine Täuschung

Ein Bericht kann nicht alles zugleich erzählen. Auch diese Erklärung wählt Beispiele aus und setzt Schwerpunkte. Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Rahmen vorhanden ist, sondern ob er den belegten Sachverhalt trägt oder ihn verzerrt.

Zur erfundenen Umfrage müssten wir wissen: Wer hat teilgenommen? Was wurde genau gefragt? Wie wurden die Menschen ausgewählt? Ohne diese Angaben lässt sich die Zustimmung der Befragten nicht einfach zur Meinung einer ganzen Bevölkerung erklären. Der Satz kann im engen Sinn stimmen und dennoch einen zu großen Anspruch erheben.

Auch scheinbar gegensätzliche Begriffe sind nicht automatisch gleichwertige Beschreibungen. Ob eine Handlung beispielsweise „Protest“ oder „Gewalt“ ist, entscheidet sich nicht allein an der Wortwahl. Es kommt darauf an, was nachweislich geschehen ist. Kritisches Lesen bedeutet nicht, für jede Darstellung eine gleich plausible Gegendarstellung erfinden zu müssen.

Drei Fragen zum Prüfen

  1. Welche Information steht im Vordergrund, und welche tritt zurück?
  2. Welche Wertung verschwindet, wenn ich Wörter wie „schon“, „nur“ oder „endlich“ streiche?
  3. Decken die Originaldaten die Überschrift – auch dann, wenn sie meine eigene Meinung bestätigt?

Ein kleiner Gegenversuch

Nimm eine Überschrift, die du überzeugend findest. Formuliere sie neu, ohne ihre überprüfbaren Angaben zu verändern. Beschreibe dieselbe Zahl einmal aus Sicht der Zustimmung und einmal aus Sicht der Ablehnung. Anschließend lies den vollständigen Text. Welche Fassung wird seinem Inhalt eher gerecht?

Diese Übung macht aus uns keine unbestechlichen Beobachter. Sie unterbricht aber den schnellen Übergang von einer Information zu einer fertigen Geschichte. Genau dort lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Weiterdenken

Framing · Aufgeladene Sprache

Themenhub Manipulation & Propaganda

Quellen

  1. Robert M. Entman (1993): Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm. Journal of Communication 43(4), S. 51–58.
  2. Amos Tversky, Daniel Kahneman (1981): The Framing of Decisions and the Psychology of Choice. Science 211(4481), S. 453–458.

Die Beispiele ohne Quellenverweis sind eigens entwickelte Veranschaulichungen.

Share this post:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert