Zwischen den Wahrheiten · 04
Christian Hardinghaus · Überarbeitete Fassung · Oktober 2026
„Das hast du dir eingebildet.“ Ein Satz, nach dem man an sich zweifeln kann. Ob er Gaslighting zeigt, lässt sich aus diesen fünf Wörtern allein nicht entscheiden.
Zwei Menschen erinnern sich unterschiedlich an ein Gespräch. Der eine ist sicher, eine Zusage bekommen zu haben. Die andere bestreitet es. Das kann ein Missverständnis sein, eine falsche Erinnerung oder eine bewusste Lüge. Ein einzelner Widerspruch erklärt noch nicht, welche dieser Möglichkeiten zutrifft.
Worum es bei Gaslighting geht
Gaslighting bezeichnet eine Form psychischer Misshandlung, bei der das Vertrauen eines Menschen in seine Wahrnehmung und seine Glaubwürdigkeit untergraben wird. Die Soziologin Paige L. Sweet untersucht in ihrer Studie von 2019 häusliche Gewalt und zeigt, wie Machtverhältnisse, gesellschaftliche Ungleichheiten und Stereotype dabei eingesetzt werden können. [1]
Ihr Untersuchungsfeld ist wichtig: Die Ergebnisse sind keine Schablone, mit der sich aus jedem Streit eine Täter-Opfer-Konstellation ableiten ließe. Ebenso wenig ist die Studie ein Nachweis dafür, dass jede widersprüchliche öffentliche Aussage „Gaslighting“ darstellt.
Ein erfundenes Beispiel
Stellen wir uns einen vereinbarten Termin vor. Eine Person leugnet später, ihn zugesagt zu haben. Als eine Nachricht die Zusage bestätigt, sagt sie nicht: „Dann habe ich mich geirrt.“ Stattdessen behauptet sie, die andere könne ohnehin keine Nachrichten richtig verstehen. Bei späteren Absprachen wiederholt sich das: Belege werden abgewertet, die Wahrnehmung der anderen Person wird grundsätzlich angegriffen.
Erfundenes Beispiel zur Veranschaulichung; keine Diagnose einer tatsächlichen Beziehung.
Hier verschiebt sich die Auseinandersetzung. Es geht nicht länger nur darum, was vereinbart wurde. Eine Person beansprucht zugleich die Deutungshoheit darüber, ob die andere ihren eigenen Beobachtungen überhaupt trauen darf. Für eine verantwortliche Einordnung wären Verlauf, Zusammenhang und mögliche Abhängigkeiten entscheidend.
Warum der Begriff Genauigkeit braucht
Wer eine Zahl korrigiert, betreibt damit nicht schon Gaslighting. Auch ein schroffer Widerspruch ist nicht automatisch ein Versuch, die Wirklichkeit eines anderen systematisch zu untergraben. Umgekehrt muss ein wiederkehrendes Muster nicht harmlos sein, nur weil jede einzelne Äußerung für sich erklärbar klingt.
Gerade in öffentlichen Debatten sollten wir das überprüfbare Verhalten zuerst beschreiben. Wurde eine frühere Aussage bestritten? Liegt eine vollständige Aufnahme vor? Wurde sie korrigiert oder trotz Beleg weiter geleugnet? Solche Fragen sind genauer als das vorschnelle Etikett. Eine dokumentierte Unwahrheit lässt sich benennen, ohne daraus bereits eine umfassende psychologische Erklärung abzuleiten.
Drei Fragen zur Einordnung
- Geht es um einen überprüfbaren Sachverhalt oder wird die Wahrnehmungsfähigkeit einer Person grundsätzlich abgewertet?
- Wird ein Irrtum angesichts von Belegen eingeräumt, oder werden Belege und ihre Urheber pauschal entwertet?
- Welche Informationen über Verlauf und Machtverhältnisse fehlen, bevor ich das Geschehen benenne?
Beim Beleg bleiben
Ein Screenshot kann zeigen, dass eine Zusage geschrieben wurde. Er erklärt nicht von allein die gesamte Beziehung. Ein Video kann eine bestrittene Äußerung belegen, aber nicht jeden Beweggrund ihres Sprechers. Diese Grenze mindert den Wert des Belegs nicht. Sie hält unsere Schlussfolgerung dort, wo sie begründet ist.
Ein Begriff wie Gaslighting hilft nur, wenn wir mit ihm genauer hinsehen. Wird er zum bloßen Synonym für „Du widersprichst mir“, verliert er gerade das, was er sichtbar machen soll.
Weiterdenken
Gaslighting · Media Gaslighting
Themenhub Manipulation & Propaganda
Quellen
- Paige L. Sweet (2019): The Sociology of Gaslighting. American Sociological Review 84(5), S. 851–875. Studie zu Gaslighting im Kontext häuslicher Gewalt und sozialer Ungleichheit; die Einordnung öffentlicher Debatten und das Terminbeispiel sind eigene Erläuterungen.
Die Beispiele ohne Quellenverweis sind eigens entwickelte Veranschaulichungen.

