Konrad Morgen in Nürnberg: Der SS-Richter, der vor dem Tribunal aussagte

Zwischen den Fronten

Unerzählte Geschichten, verborgene Fakten & Kuriositäten des Zweiten Weltkriegs — Was nicht im Schulbuch steht · von Dr. Christian Hardinghaus

Akte Nr. 010 DECLASSIFIED Nürnberg, Deutschland · 8. August 1946 6 Min. Lesezeit

Konrad Morgen in Nürnberg: Der SS-Richter, der vor dem Tribunal aussagte

Vor 80 Jahren verhandelte das Internationale Militärtribunal in Nürnberg gegen die Hauptkriegsverbrecher. Unter den Zeugen war ein Mann in SS-Uniform, der in den Lagern gegen SS-Angehörige ermittelt hatte: Konrad Morgen.

Nürnberg, 8. August 1946. Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher geht in die letzte Phase, die Organisationen stehen zur Debatte: Ist die SS als Ganzes eine verbrecherische Organisation? Die Verteidigung der SS ruft einen Zeugen auf, der Haftbefehle gegen KZ-Kommandanten erwirkt hat. Er ist selbst SS-Richter.

01Der Zeuge, den das Gericht zuerst nicht hören wollte

Konrad Morgen, geboren 1908 in Frankfurt am Main, war Jurist und gehörte zur SS-Gerichtsbarkeit. Er trug den Rang eines SS-Sturmbannführers der Waffen-SS, nach Heeresstufe ungefähr ein Major (Eintrag im Dienstgrade-Lexikon, dazu die Vergleichstabelle SS und Wehrmacht). Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wurde er als Zeuge der SS-Verteidigung aufgerufen, vertreten durch Rechtsanwalt Pelckmann.

Dabei war keineswegs sicher, dass er persönlich aussagen würde. Nach dem Protokoll des 7. August 1946 erklärte das Tribunal zunächst, Morgen müsse aus seinen eidesstattlichen Erklärungen für sich sprechen. Am folgenden Verhandlungstag, dem 198., wurde er dennoch gehört.

02Was Morgen in Nürnberg berichtete

Morgen schilderte seine Ermittlungen, die ihn ab 1943 durch mehrere Lager geführt hatten. In Buchenwald hatte er gegen den Kommandanten Karl Otto Koch ermittelt, der später von der SS selbst verurteilt und hingerichtet wurde. In Lublin stieß er nach seiner Darstellung auf Christian Wirth, der Vernichtungslager betrieb. In Auschwitz führte ihn eine Untersuchung über geschmuggeltes Gold in das Lager. Dort warf er dem Leiter der Politischen Abteilung, Maximilian Grabner, nach eigenen Angaben rund 2.000 Tötungen außerhalb der eigentlichen Vernichtungsaktionen vor.

Zugleich berichtete Morgen, er habe seine Erkenntnisse an hohe Stellen weitergegeben, darunter Arthur Nebe, Ernst Kaltenbrunner und Heinrich Müller, und seine Verfahren hätten weitere Morde verhindert. Das ist seine eigene Darstellung. Für die Verteidigung der SS war sie wertvoll, denn sie ließ sich als Beleg lesen, dass die Mordtaten nicht von der gesamten Organisation getragen wurden.

03Warum die Aussage bis heute irritiert

Das Tribunal folgte dieser Lesart nicht. Im Urteil vom 30. September und 1. Oktober 1946 erklärte es die SS zu einer verbrecherischen Organisation. Morgens Aussage zeigt dennoch etwas Wesentliches: Auch innerhalb der SS gab es eine Gerichtsbarkeit, die einzelne Täter wegen Korruption, Brutalität und Mord verfolgte, während das System der Vernichtung unangetastet blieb. Genau in diesem Widerspruch liegt der Kern seiner Biografie: ein Jurist in SS-Uniform, der Recht anwendete in einem Staat, der das Recht zerstörte.

Morgen sagte später auch in weiteren Verfahren aus, unter anderem mit eidesstattlichen Erklärungen im Nürnberger Ärzteprozess und im Pohl-Prozess sowie als Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Wie glaubwürdig und wie vollständig seine Selbstdarstellung ist, bleibt bis heute Gegenstand der Forschung.

✚Mythos-Check

Die Behauptung: „Morgens Aussage in Nürnberg beweist, dass die SS-Führung die Morde in den Lagern nicht billigte.“

Morgen belegte, dass es Ermittlungen gegen einzelne SS-Angehörige gab, auch gegen Kommandanten. Für die Frage nach der Verantwortung der SS-Führung für den Massenmord war das nicht entscheidend: Das Tribunal erklärte die SS dennoch als Organisation für verbrecherisch, und die Vernichtungslager, von denen Morgen berichtete, arbeiteten weiter.

Urteil: KOMPLIZIERT

Zum WeiterlesenBuchcover: Der Fall Konrad Morgen von Christian Hardinghaus

Der Fall Konrad Morgen: ein SS-Richter im Inneren des Unrechtsstaats

Die Biografie rekonstruiert, wie Morgen ermittelte, wo die Grenzen seiner Möglichkeiten lagen und warum er nach 1945 zum Zeugen wurde. Die englische Ausgabe Between Law and Murder ist im September 2026 erschienen.

Zum Buch
  • Internationales Militärtribunal Nürnberg: Protokoll des 198. Verhandlungstags (8. August 1946), Zeugenaussage Georg Konrad Morgen; Protokoll des 197. Verhandlungstags (7. August 1946). Avalon Project, Yale Law School.
  • Harvard Law School: Nuremberg Trials Project, Dokumente zu Georg Konrad Morgen (IMT-Aussage; eidesstattliche Erklärungen im Ärzteprozess und im Pohl-Prozess).
  • Christian Hardinghaus: Der Fall Konrad Morgen. Ein SS-Richter im Inneren des Unrechtsstaats. Europa Verlag, München 2026.

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