Unerzählte Geschichten, verborgene Fakten & Kuriositäten des Zweiten Weltkriegs — Was nicht im Schulbuch steht · von Dr. Christian Hardinghaus
Wilhelm Gustloff: Die Nacht, in der über 9.000 Menschen in der Ostsee starben
Sechsmal so viele Tote wie auf der Titanic – und trotzdem kennt kaum jemand den Namen. Die Geschichte des Flüchtlingsschiffs, das zum Grab für Tausende Frauen und Kinder wurde.
Gotenhafen, 30. Januar 1945. Minus 18 Grad, Schneetreiben, am Kai drängen sich Menschen mit Koffern, Kinderwagen und Bettzeug. Die Rote Armee steht vor Ostpreußen, und jeder Platz auf einem Schiff kann das Leben bedeuten. Am Mittag legt die „Wilhelm Gustloff“ ab, gebaut für knapp 1.500 Passagiere. An Bord sind mehr als 10.000 Menschen. Neun Stunden später treffen drei Torpedos den Rumpf.
01Die Geschichte: der Untergang der Wilhelm Gustloff
Die Wilhelm Gustloff lief 1937 als Kreuzfahrtschiff der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ vom Stapel. Sie sollte deutschen Arbeitern Urlaub auf See ermöglichen und war ein Prestigeobjekt des Regimes. Benannt wurde sie nach dem Schweizer NSDAP-Funktionär Wilhelm Gustloff, der 1936 in Davos erschossen worden war. Mit Kriegsbeginn wurde sie zum Lazarettschiff, später zum Wohnschiff für die Ausbildung von U-Boot-Besatzungen im Hafen von Gotenhafen, dem heutigen Gdynia.
Im Januar 1945 brach die Ostfront zusammen. Hunderttausende Menschen flohen aus Ost- und Westpreußen an die Ostseeküste. Die Kriegsmarine organisierte mit dem Unternehmen „Hannibal“ die größte Rettungsaktion über See in der Geschichte. Die Gustloff sollte Flüchtlinge, Verwundete und Marinepersonal nach Westen bringen. Wie viele Menschen tatsächlich an Bord gingen, weiß bis heute niemand genau. Gezählt wurde irgendwann nicht mehr. Der überlebende Zahlmeisterassistent und spätere Historiker Heinz Schön kam auf über 10.000 Menschen.
Am Abend des 30. Januar entdeckte das sowjetische U-Boot S-13 unter Kommandant Alexander Marinesko das Schiff vor der pommerschen Küste bei Stolpmünde. Die Gustloff fuhr mit gesetzten Positionslichtern, weil die Schiffsführung einen Zusammenstoß mit entgegenkommenden deutschen Minensuchern fürchtete. Kurz nach 21 Uhr schlugen drei Torpedos ein. Innerhalb von etwa einer Stunde sank das Schiff. Viele Menschen wurden in den unteren Decks eingeschlossen, andere erfroren im eiskalten Wasser, Rettungsboote waren vereist oder zu wenige.
Begleitschiffe und herbeieilende Boote retteten rund 1.200 Menschen. Nach den meisten Schätzungen kamen über 9.000 ums Leben, darunter Tausende Kinder. Damit gilt der Untergang der Wilhelm Gustloff als die verlustreichste Schiffskatastrophe der Seefahrtsgeschichte. Nur wenige Wochen später sanken die „General von Steuben“ und im April die „Goya“ – ebenfalls mit Tausenden Menschen an Bord.
02Warum das nicht im Schulbuch steht
Die Titanic kennt jedes Kind. Die Gustloff kennen die meisten nicht. Das liegt nicht an fehlenden Zahlen, sondern an der Erinnerungskultur. Über Jahrzehnte war das Leid deutscher Zivilisten im Zweiten Weltkrieg ein schwieriges Thema. Zu Recht stand die Verantwortung Deutschlands für Krieg und Holocaust im Mittelpunkt. Das Schicksal der Flüchtlinge wurde dabei oft Vertriebenenverbänden überlassen und geriet politisch in eine Ecke, aus der es lange nicht herausfand.
Im Kalten Krieg kam ein zweiter Faktor hinzu. In der DDR war die Versenkung durch ein sowjetisches U-Boot kein Thema, das man erzählen wollte. In der Sowjetunion wurde Marinesko später sogar als Held gefeiert. Erst Günter Grass holte die Katastrophe 2002 mit seiner Novelle „Im Krebsgang“ in die breite Öffentlichkeit zurück – und löste eine Debatte darüber aus, wie man über deutsche Opfer sprechen kann, ohne die Ursachen zu verdrängen.
Genau darin liegt die Bedeutung der Gustloff. Sie zeigt, dass beides wahr sein kann: Der Krieg, den das nationalsozialistische Deutschland begonnen hatte, kehrte zu seinen Urhebern zurück – und traf dabei Menschen, die diese Entscheidungen nicht getroffen hatten. Kinder, Mütter, Alte, Verwundete. Wer ihre Geschichte erzählt, relativiert nichts. Er vervollständigt das Bild.
✚Mythos-Check
Die Behauptung: „Die Gustloff war die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten.“
Nach den gängigen Schätzungen von über 9.000 Toten ist das korrekt – kein anderer einzelner Schiffsuntergang forderte nachweislich mehr Menschenleben. Die genaue Zahl bleibt allerdings unsicher, weil niemand wusste, wie viele Menschen an Bord waren. Auch der Untergang der Goya im April 1945 gilt als eine der größten Katastrophen.
Urteil: WAHR
Die Behauptung: „Die Gustloff war ein reines Flüchtlingsschiff.“
Die große Mehrheit an Bord waren Zivilisten. Aber das Schiff hatte auch Marinepersonal, Marinehelferinnen und Verwundete an Bord, war mit Flugabwehrgeschützen bestückt und fuhr nicht als gekennzeichnetes Lazarettschiff. Nach damaligem Kriegsrecht war es deshalb kein geschütztes Ziel. Das ändert nichts an der Tragödie – erklärt aber, warum der Angriff juristisch anders bewertet wird als moralisch.
Urteil: KOMPLIZIERT

Die Buchhändlerin von Königsberg
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- Kriegsmarine & Unternehmen Hannibal → Kampf & Ketten — Einheiten & Gliederung
- „Kraft durch Freude“ → Befehl & Bereitschaft — NS-Organisationen
- Kinder auf der Flucht → Ostpreußische Wolfskinder
- Erinnerung heute → Flucht und Vertreibung der Deutschen
03Quellen & weiterführende Literatur
- Heinz Schön: Die Gustloff-Katastrophe. Bericht eines Überlebenden über die größte Schiffskatastrophe im Zweiten Weltkrieg. Motorbuch Verlag, Stuttgart.
- Günter Grass: Im Krebsgang. Novelle. Steidl, Göttingen 2002.
- Cathryn J. Prince: Death in the Baltic. The World War II Sinking of the Wilhelm Gustloff. Palgrave Macmillan, New York 2013.
- Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler, München 2008.

